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WIR im FINALE - ein deutsches REQUIEM (2005)

von Marc Becker
eine Koproduktion mit FREIHANDELSZONE - ensemblenetzwerk köln und dem theaterimballsaal, Bonn

Kölner Theaterpreis 2005

NATION. VOLK. VATERLAND. Deutschland im Fußballfieber. Das Bier ist kaltgestellt. Terror, Krieg, Arbeitslosigkeit, Entfremdung, Zukunftsangst – vergessen. Nichts bringt das deutsche Gemüt so in Wallung und die Nation zum Wir-Gefühl, wie die Teilnahme der deutschen Mannschaft bei der Europameisterschaft. Besser noch, bei einer Weltmeisterschaft. Besser noch, bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Lande. Ein großes Ereignis - die Weltmeisterschaft 2006 - wirft seine Schatten voraus und a.tonal.theater einen theatralen Blick in die deutsche Seele. Der Ball ist rund, aber rollt hier nicht. Trotzdem: Es geht um Fußball. Also um alles. Jeder weiß: Es ist nur ein Spiel. Und gerade deshalb, weil es in der Substanz unverfänglich und banal ist, so meinen wir, lässt sich damit so gut Ernst machen. Man ist kein Faschist sondern Fan, wenn man sagt: "Wir hauen die Holländer weg." Fußball macht lebensmüde Männer (und Frauen!) wieder munter und schlenzt dem Dasein - quasi mit dem Außenriss - einen Sinn zu. Theater und das Geschehen auf dem Rasen der mittlerweile die Welt bedeutet, haben also viel gemeinsam. "WIR im FINALE" - wird eine Achterbahn der Gefühle, äquivalent zu den Torständen eines echten Fußballkrimis. Gespeist durch die Beobachtung des immensen Erlebnishungers im Vakuum des allseits verblassenden Konsumparadieses.
Ein komplexer, musikalischer Sprachteppich stiftet die theatrale Fußballvolksgemeinschaft, geknüpft aus Phrasenmüll der Reporter, der Besserwisserei der Experten aus der Eckkneipe, der grölenden Fankurve und der Kabinenpredigt des Trainers. Zwischen Depression und ultimativer Siegeseuphorie klingt viel mit von dem, was unsere Nation umtreibt zu Beginn des neuen Jahrtausends. "WIR im FINALE" - die Obduktion der deutschen Seele am lebenden Objekt, pendelnd zwischen der Nibelungensage und dem Wunder von Bern, zwischen Demagogie und Dreifaltigkeit. Champagnerfußball! So ein Tag, so wunderschön wie heute! "Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister."

Das Stück wurde im Januar 2004 uraufgeführt und war jüngst zu den Mülheimer Stücketagen geladen. Marc Beckers Text ist eine Partitur für einen Schauspiel-Chor, die eine starke Form verlangt, ein gewaltiges Stimmengewirr, ein Fließtext ohne zugeordnete Figuren und scheint nach der Beschäftigung mit Ernst Jandls experimentellen Sprachspielen wie geschaffen für das Kölner a.tonal.theater. Vorhang auf! In der Hitze des Finales gibt es kein Verstellen mehr, jeder gibt sich als der zu erkennen, der er ist...

mit: Christiane Bruhn, Anne Fink, Sabine Hahn, Christine Stienemeier, Christof Hemming, Johann Krummenacher _ Musik/Samples/Geräusche: Markus Berger _ Licht: Lothar Krüger _ Bühne & Kostüme: Christina Wachendorff, Jana Denhoven _ Mitarbeit Kostüme: Angelika Remy _ Graphik & Layout: Anja Callam _ Konzept & Regie: Jörg Fürst